Als 1761 auf der Seine das erste Badeschiff der Geschichte eröffnet wurde, war das nicht nur eine technische Innovation, sondern gleichermaßen Ausdruck für ein neues Verhältnis zur Körperhygiene. Schon seit dem späten Mittelalter war das Baden in Verruf geraten. Es galt als sündhaftes Laster, da es mit Unzucht und Nackheit verbunden wurde. Die Kirche ging sogar soweit, es als Luxus und Verweichlichung zu stigmatisieren und das öffentliche Baden ganz zu verbieten. Zwar breiteten sich in der Oberschicht mehr und mehr private Badezimmer aus, aber die Vorliebe für Parfum und die Abneigung gegen Wasser der Adligen des 17. und 18. Jhs. sind allgemeinhin bekannt.
Öffentliche Bäder wurden aber auch aus hygienischen und medizinsichen Gründen geschlossen, denn man vermutete, dass sich Krankheiten leichter ausbreiteten und das Wasser das innere Körpergleichgewicht störe.
Erst die Aufklärung brachte Licht ins trübe Verhältnis zum Wasser und die gesundheitsfördernde Wirkung des nassen Elements drang wieder in die öffentliche Meinung vor. Der königliche Leibbader Jean-Jacques Poitevin entwickelte ein Badeschiff, das aus zwei miteinander verbundenen Hausbooten bestand. An Bord gab es Duschen und Badewannen in insgeamt 33 Kabinen, die mit kaltem oder warmen, gefiltertem Flusswasser betrieben wurden. Die Badegäste konnten aber auch direkt im Fluss zwischen den beiden Booten schwimmen.
„Das Wasser war hier durch zwei Handpumpen, die an der Stirnseite des Schiffes befestigt waren und 50 Schuh vom Ufer unter das Wasser gingen, in drei ziemlich große Wasserbehälter auf einem rechteckigen Platz mitten im oberen Stock gepumpt und, nachdem es sich durch den Sand im ersten Behälter geläutert hatte, in den zweiten aus diesem in den dritten und endlich durch Röhren in die Badewanne geleitet.“ ( C.H.T. Schreger, 1803). Betrieben wurde Poitevins Badeanstalt lange von Babieren und Perückenmachern, die dem wohlhabenden Bürgertum neben dem Badebetrieb auch gesundheitliche und kosmetische Behandlungen anboten.
Auch in Deutschland fanden die aufklärerischen Ideen Einzug und der deutsche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland merkt 1796 in seiner Schrift „ Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ bedauernd an: „ Wir haben noch überall Badehäuser und Bäder, aber bloß als Monumente jener löblichen Gewohnheit. Ihre Benutzung ist durch eine unangreifliche Indolenz der Menschen ganz abgekommen. Ehemals gingen alle Sonnabende Badeprozessionen mit klingenden Becken durch die Straßen, um ans Baden zu erinnern, und der im Schmutz arbeitende Handwerker wusch nun im Bade jene Unreinigkeit von sich, die er jetzt gewöhnlich zeitlebens mit sich trägt. Es sollte jeder Ort ein Badehaus oder Floß im Flusse für den Sommer, und ein andres für den Winter haben. (...)“
In Frankfurt am Main gab es das damals schönste und luxuriöseste Badeschiff. Im Jahr 1800 wurde es durch den Besitzer und Arzt Johann Gottfried Kohl eröffnet. An Bord gab es ein Familienbadezimmer und sogar ein Wohnzimmer sowie Verköstigung und die Möglichkeit zum Lustwandeln. Weiter verbreitet blieb aber neben den beheizbaren Badewannen auch die Variante des direkten Badens im Fluss in den sogenannten Aalkästen: Körbe, die direkt in kalte Wasser eingelassen waren. Der Besuch eines Badeschiffs wurde im 19. Jahrhundert immer beliebter. 1810 verzeichnete der gut gehende Betrieb des Hamburger Schiffs in der Binnenalster 5172 Besucher. Dabei wurden allerdings nur 1,6 % der Karten an Frauen verkauft.
Auch Berlin konnte 1803 schon ein elegantes Badeschiff vorweisen. Der Gerichtsmediziner Georg Adolph Welper (1762-1842) veranlasste den Bau einer Badeanstalt auf der Spree, die vier preislich unterschiedene Klassen bot. Die erste Klasse war mit Tapeten und bemalten Decken besonders luxuriös ausgestattet. Außerdem besaß die Stadt bereits im 19. Jahrhundert eine Innovation in Sachen Flussbaden: In der Friedrichstrasse gab es ein Winterbad, dass mit warmen und gereinigtem Abwasser einer dortigen Fabrik betrieben wurde. Die Gäste konnten in 18°C „warmem“ Wasser schwimmen.
Immer gab es auch Kritik am Betrieb der Badeschiffe. Neben der Befürchtung, dass die Kabinen von Prostituierten für ihre Tete-a-tetes benutzt würden, bemängelte man zum Teil die Sauberkeit der Einrichtungen. Bereits im 19. Jahrhundert gab es auch Umweltbedenken. In Hamburg wurde dem Wasser beispielsweise Schwefel zugesetzt. Als später dann auch Restaurants auf den Schiffen eröffneten, beschwerte man sich über Küchenabfälle im Wasser. Das vorläufige Ende der Badeschiffe läutete allerdings die zunehmende Industrialisierung ein. Die Wasserverschmutzung nahm dermaßen zu, dass man selbst damals schon zum Schluss kam, dass das Schwimmen im Flusswasser nicht mehr ganz unbedenklich sei. Die meisten Schiffe wurden in den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts geschlossen.
Seit 2004 knüpft Berlin wieder an die alte Tradition der Badeschiffe an. Im Osthafen befindet sich eins von europaweit drei Schiffen, die als normale, schwimmende Freibäder fungieren und im Winter zu Hallenbädern umgebaut werden können. Doch weder hier, noch in Paris oder Wien, wo die anderen beiden Schiffe liegen, können die Gäste direkt im Fluss baden, denn die Wasserqualitäten haben noch immer keine zumutbaren Werte erreicht. In Paris wird immerhin das Seine-Wasser genutzt und nach einer Ozonbehandlung in das Schwimmbecken gepumpt. Aber auf das wohltuende Strömen des Flusses müssen die Schwimmer einstweilen noch verzichten.
Claudia Langer hat Philosophie, Kunstgeschichte und Psychologie mit dem Schwerpunkt Zeichentheorie an der Humboldt Universität studiert. Nach Aufenthalten in London, Florenz und Brno lebt sie wieder in Berlin. Neben Tätigkeiten in der Psychiatrie und Öffentlichkeitsarbeit arbeitet Claudia Langer als freie Autorin und forscht journalistisch auf den Gebieten Philosophie, Naturwissenschaften und Film.
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