Nachts leuchtet weithin sichtbar der gläserne Kubus auf dem ehemaligen NARVA-Glühbirnen Werk, ein blaues Leuchtfeuer über einer Gegend, die noch vor 15 Jahren weitgehend brach lag. Ein Stück flussaufwärts glimmt am Treptower Ufer ein orange schwebendes Oval: das auf dem Wasser gelandete Ufo des Badeschiffs, das sich im Winter in eine Saunahöhle verwandelt.
NARVA-Werk, Universal und MTV,
Badeschiff und die unzähligen
Wenn man heute den Bahnhof Ostkreuz mit seinen rostigen Brücken und grün überwucherten Bahnsteigen sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass Stralau-Rummelsburg um die Jahrhundertwende einer der meist frequentierten Güterbahnhöfe war. Hier und am Bahnhof War- schauer Straße verkehrten auch die Züge der Stadtbahn, die täglich Tausende von Arbeitern zu den Fabriken transportierten.
NARVA hieß damals OSRAM und hatte einen eigenen Bahnhof vor der Tür: 1902 wurde hier die legendäre Linie 1 eingeweiht, Berlins erste Hochbahnlinie. Bereits am 18.12. 1899 hatte in dieser Ecke Berlins auch die erste Untergrundbahn ihre Jungfernfahrt: Die „Knüppelbahn“ unterquerte die Spree an der Rummelsburger Bucht und verband Treptow mit Stralau. 1913 bekam Berlin mit dem Osthafen auch noch seinen modernsten Binnenhafen, der vor dem 2.Weltkrieg der viertgrößte Deutschlands geworden war.
Während die Industrie den Fluss als Standortfaktor nutzt, entdecken ihn die Berliner wieder als Ort, an dem sie den weiten Blick und die Präsenz des Wassers genießen, wo sie wohnen, leben und arbeiten möchten. Um 1900 gründete sich eine eigene Bewegung, die Lebensreformer, die den Aufenthalt an Licht Sonne und Wasser propagieren. Dauer-Camper siedeln sich am Spreeufer an, Segel- und Rudervereine gründen sich.
Auch hier spielt die Gegend eine Pionierrolle: Mit dem ersten Berliner Ruder-Verein wird die Halbinsel Stralau 1876 zur Wiege des Deutschen Wassersports. Zwischen rauchenden Schloten und grauen Mietskasernen, die längst die Sommerresidenzen der reichen Berliner ver- drängt hatten, hielten sich die Bootswerften und Ruderclubs bis in die dreißiger Jahre, war Stralau ein ei- gener Kiez, wo auf engstem Raum am Wasser gelebt, gearbeitet und sich erholt wurde.
Leben, arbeiten sich erholen am Wasser, dieser Dreiklang hat in Berlin eine lange Tradition. Als die Stadt Mitte des 17.Jahrhunderts Residenzstadt wird, bezieht man den Fluss in die Stadtplanung ein. Die Spree wird wichtige Kulisse im städtischen Büh- nenbild, der Schlosshof soll sich mit einer Terrasse zum Fluss hin aus- richten. Der Fluss als wichtiges ge- stalterisches Element der Stadtplanung, für diese Idee steht später auch Karl Friedrich Schinkel. Für ihn sind Flussläufe und Kanäle nicht nur ein organisches Ordnungsprinzip gegen das chaotische Wuchern einer Stadt durch die Folgen der Industria- lisierung, wie er es am Beispiel Manchesters vor Augen hatte. Sie sind auch „blaue Lungen“, ein Naturele- ment in der grauen Steinwüste Ber- lins. Schinkel war schon damals je- mand, für den das Wasser ein Ort der Arbeit, des Wohnens, der Be- gegnung und der Muße ist.
Nach dem Ende des zweiten Welt- krieges gibt die Gegend um den Osthafen ein düsteres Bild ab. Überall patrouillieren die Grenzsoldaten der NVA, der Bahnhof Warschauer Stra- ße ist geschlossen, die Oberbaum- brücke gesperrt. Die Zeiten des un- gehinderten Güterverkehrs sind vorbei. Trotzdem drehen sich die Kräne am Osthafen als dem einzigen Hafen im Ostteil der Stadt unaufhörlich, steigt der Warenumsatz beständig. Allein für den Wohnungsbau benötigt der Staat DDR riesige Mengen an Baustoffen. Die Halbinsel Stralau bleibt ein Industriestandort mit Glaswerk, dem VEB Kosmetik-Kombinat, dem VEB Kombinat Getreidewirtschaft und der Engelhardt Brauerei. Der Kiez verliert an Bevölkerung und Infrastruktur, und damit auch sein spezifisches Flair aus Kneipen, Kegelclubs, Bootswerften und Ruderclubs.
Mit der Öffnung der Mauer verbinden auch die Brücken wieder Friedrichshain mit Kreuzberg, Stralau mit Treptow. Trotzdem gehen rund um den Osthafen erst einmal die Lichter aus. NARVA und das Glaswerk schließen, Anwohner ziehen weg, Läden verschwinden. Eine Brache, die schnell Pioniere auf den Plan ruft: Gegenüber der Hafenanlagen mit den langsam verrostenden Kränen baut Falk Walter das ehemalige Busund Straßenbahndepot der Berliner Verkehrsbetriebe zur Konzerthalle um und gründet seine ARENA-Veranstaltungs-GmbH. Das Gebäude ne- benan wird zur Kunstfabrik am Flutgraben mit Ateliers und Wohnungen. Und auch der Osthafen wird als prestigeträchtiger Standort mit grandiosem Blick auf Fluss und Skyline Berlins entdeckt. Die Stadt wendet sich wieder ihrem Fluss zu, den sie über Jahrzehnte weitgehend igno- riert hatte.
Sandra Prechtel hat Vergleichende Literaturwissenschaft, Politologie und Filmwissenschaft in München, London und Berlin studiert.
Nach Studienabschluss folgten Praktika beim jetzt-Magazin und Zeitmagazin sowei ein Redaktionsvolontariat beim SFB. Seitdem arbeitet sie als freie Autorin für Print, Funk und Fernsehen. Seit 2003 ist sie Regisseurin und Autorin von Dokumentarfilmen. (ND- Deutsches Neuland, MDR 2004, Sportsfreund Lötzsch, BR/arte 2007).
weiter mit Musik im Osthafen