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      Wasserwelten

      Blaue Träume
      von Uli Winters und Ralf Steeg

      Träume haben wir alle, nur Künstler versuchen alles, um sie wahr wer-
      den zu lassen. Wenn dieser Satz vom Künstler als kollektivem Traum-
      fänger zutrifft, dann wundert es nicht, wie viele Kunstprojekte sich intensiv mit dem Thema Wasser auseinandersetzen. Auf dem Grund des stillen Sees schläft die Seele, sagen die Chinesen, und tatsächlich durchdringt das Wasser Körper und Seele des Menschen auf verschie-
      denste Weise. Nicht nur, weil das Le-
      ben im Meer begann. Wasser ist ne-
      ben der Atemluft unser wichtigstes Lebens- und Überlebensmittel. Über-
      all auf der Welt wird rituell gebadet und getauft, geplanscht und ge-
      spritzt. Wissenschaftler und Mystiker sinnieren über jenen Moment, da ein Mensch zu ersten mal sich selbst er-
      kannte, im Spiegel eines ruhenden Wassers.

      Künstlergruppe um Daniel Milohnic und Dirk Paschke beim Bau eines Swimmingpools - Foto: D. Milohnic

      Vielleicht ist es diese tiefe Verbin-
      dung zwischen Mensch und Wasser, die das Baden zu einem so wertvol-
      len Gut macht, für das uns kein Preis zu hoch erscheint. Wer es sich leis-
      ten kann, baut einen Swimmingpool als eindeutiges Symbol des Wohl-
      standes. Auch ein Blick aus dem Fenster auf Fluss oder See muss in barer Münze bezahlt werden, selbst wenn es sich nur um einen kleinen Zipfel blau handelt. Und noch bunte-
      re Blüten treibt die tief in uns ver-
      wurzelte Lust am Bade: In der Straf-
      anstalt Bautzen, so weiß die Legen-
      de, dichteten die Gefangenen in den Siebzigern alle Ritzen einer Zelle mit Brot ab und öffneten die Wasserhäh-
      ne, um wenigstens für kurze Zeit in den Genuss eines eigenen Schwimmbades zu kommen. Men-
      schen, die hungern, um baden zu dürfen. Ein schöneres Bild für die Sehnsucht nach dem „im Wasser Sein“ lässt sich nicht denken.

      Bad Ly - Foto: Peter Arlt, Wien

      Dasselbe Grundbedürfnis wird wohl am Werk gewesen sein, als die Künstler Peter Arlt und Benni Foer-
      ster-Baldenius den Mangel an nahe-
      gelegenen Bademöglichkeiten kur-
      zerhand selbst beendeten. Sie be-
      füllten einen Baucontainer mit Was-
      ser, schafften Liegestühle und ein paar Kubikmeter Sand heran und eröffneten das „Bad Ly“, ein impro-
      visiertes Nachbarschaftsschwimm-
      bad samt Kiosk und Bademeister-
      turm. Das Privatbad ohne Kassen-
      schlange inspirierte seine Benutzer zu immer phantasievolleren Service- Angeboten wie Rückeneincreme-
      dienst und eine Milchbar in Form ei-
      ner leibhaftigen Kuh.

      Übersichtsplan des Bad Ly - Zeichnung: Benni Foerster-Baldenius, Berlin

      Mitten in der Zeche Zollverein in Es-
      sen zwischen den bizarren Industrie- Skeletten vergangener Bergbautage schufen die Künstler Dirk Paschke und Daniel Milohnic ebenso ein Con-
      tainerschwimmbad für alle. Die Schwimmskulptur als architektoni-
      sche Pioniervegetation ist sichtbares Zeichen der Verwandlung von Indus-
      triebrachen der Schwerindustrie in Dienstleistungsgebiet und daneben einfach ein ganz besonderes Schwimmbad, das von Essenern wie Besuchern der Zeche gern genutzt wird. Von so etwas hätten die ver-
      staubten Kumpel damals nur träu-
      men können.

      Eine Industrieregion verändert ihr Gesicht - Foto: Roman Mensing/artdoc.de, Münster
      Badespass im Ruhrgebiet - Foto: Roman Mensing/artdoc.de, Münster

      Das Projekt "Badeschiff" der Künst-
      lerin Susanne Lorenz und der Archi-
      tektengruppe AMP hat den Strand gleich dazu geliefert. Eine große künstliche Sandfläche am Spreeufer an der Berliner Arena ist über Stege mit einem eben so großen schwim-
      menden Badebecken – ein ehemali-
      ges Frachtschiff – verbunden. Der architektonisch strenge Entwurf war als mobiles Modul konzipiert, denn Schwimmbäder werden schließlich überall gebraucht. Dabei darf die pa-
      radoxe Vorstellung von einem künst-
      lichen Schwimmbad im Fluss als Ver-
      weis auf die verlorene Unschuld der einstmals sauberen Flüsse verstan-
      den werden. Wenn man schon nicht im verschmutzten Fluss baden darf, dann bauen wir eben einen Pool hi-
      nein.

      Badesschiff an der arena-berlin - Foto: unbek.

      Dem schwierigen Ziel, wenigstens einen kleinen Flussarm der Spree wieder badetauglich zu machen, versucht sich das Projekt "Flussbad" anzunähern, das sich die Brüder Jan und Tim Edler unter ihrem Label ausgedacht haben. Der so genannte "Kupfergraben", ein ungenutzter Spreearm mitten in Berlin, soll mit einer Schilfkläranlage gereinigt wer-
      den. So soll direkt entlang der Berli-
      ner Museumsinsel ein Bad entste-
      hen, einem Strand ähnlicher als ei-
      nem konventionellen Schwimmbad.

      1) Schilfkläranlage 2) Wehr 3) Ufermauer 4) Umkleide, Steganlagen - Abb. J. & T. Edler, realities:united

      Wie die „Spreebrücke“ wartet aber auch dieses Projekt noch darauf, das Reich der Visionen in Richtung Wirk-
      lichkeit zu verlassen. Eine Art Um-
      nutzung des Flusses haben die Edlers im Sinn, wenn sie die Spree vom Industrieverkehrsweg in ein de-
      zentrales Naherholungsgebiet ver-
      wandeln möchten. Es geht dabei, wie realities:united sagt „nicht um das Statement [Flussbad], sondern um vernünftige – ökonomische, ökologi-
      sche und gesellschaftliche Entwick-
      lungsperspektiven für Berlins inners-
      tes Zentrum“. Der stark touristisch geprägten Gegend um die Museums-
      insel verabreicht das Flussbad eine gesunde Infusion von Alltäglichkeit.

      Der Blick auf den Kupfergraben nach dem Umbau - Abb. Jan und Tim Edler, „realities:united“

      Das verwegenste aller Badekunst- projekte war aber der „High Line Pool“, ein Entwurf der jungen deutsch-französischen Architektin Nathalie Rinne. Sie wollte ein Stück New Yorker U-Bahn-Trasse, die vor 23 Jahren stillgelegte "High Line" im westlichen Manhattan, in ein riesiges 2,5 Kilometer langes Schwimmbad verwandeln. Dabei ging es der Visio- närin um die Würdigung des Was- sers als städtebauliches Element. Obwohl Manhattan als Halbinsel na- türlich überall Wassernähe besitzt, kommt es in der Stadtarchitektur kaum vor, meinte Rinne. Daran wird auch die Idee des High Line Bades nichts ändern, denn wie die meisten anderen Visionen vom urbanen Ba- den hatte auch sie keine Chance, Realität zu werden, obwohl Nathalie Rinne zu den Gewinnerinnen des in- ternationalen Wettbewerbs zur High Line zählte und damit einen beachtli- chen Ritterschlag erhielt.

      Stillgelegte Hochbahn in Manhattan - Foto: Nathalie Rinne
      Verlauf der 2,5 km langen High Line - Abb. Nathalie Rinne
      Der High Line Pool – ein Swimmingpool mitten durch New York - Abb. Nathalie Rinne

      Und das ist mehr als schade, denn die Vorstellung hoch über den Stra-
      ßen New Yorks kilometerweit gera-
      deaus zu schwimmen, lässt das nur durch wenige Schwimmzüge unter-
      brochene Dauerwenden in der klas-
      sischen Badeanstalt wie Selbstquäle-
      rei erscheinen. Es gehe ging ihr um das Statement, die starke Idee, sag-
      te denn auch Nathalie Rinne. Und so träumen sie weiter, die Künstler. Sie träumen unseren gemeinsamen Traum vom Baden, vom Eintauchen ins kühle Wasser, vom schwerelosen Gleiten. Glaubt man einem alten rus-
      sischen Sprichwort, dann tun sie uns damit selbst dann einen großen Ge-
      fallen, wenn nur einige ihrer wilden Wasservisionen Wirklichkeit werden:
      „Deine eigenen Wünsche zu kennen macht Dich zu einem glücklichen, ih-
      re Erfüllung zu einem hoffnungslosen Menschen“.

      Hier kann man sehen, was den New Yorkern entgeht - Abb. Nathalie Rinne

      Uli Winters, Diplomkünstler
      schreibt u.a. "Gehirn und Geist"

      Ralf Steeg

      Die Künstler(innen) / Architekt(inn)en:


      Bad Ly“

      Peter Arlt
      http://www.peterarlt.at/[...]1199903

      Benni Foerster-Baldenius
      http://www.raumlabor-berlin.de



      Werksschwimmbad“

      Daniel Milohnic

      Dirk Paschke

      Fotos: Christine Ganser,
      Roman Mensing


      "High Line Pool"

      Nathalie Rinne
      http://www.thehighline.org





      Flussbad“

      Jan Edler

      Tim Edler

      Mitarbeit: Denise Dih,
      Wolfgang Metschan


      „Spreebrücke“

      Susanne Lorenz, AMP Architekten, Teneriffa

      Projektleiter: Gil Wilk, Wilk Salina Architekten





























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