Träume haben wir alle, nur Künstler
versuchen alles, um sie wahr wer-
den zu lassen. Wenn dieser Satz
vom Künstler als kollektivem Traum-
fänger zutrifft, dann wundert es
nicht, wie viele Kunstprojekte sich
intensiv mit dem Thema Wasser
auseinandersetzen. Auf dem Grund
des stillen Sees schläft die Seele,
sagen die Chinesen, und tatsächlich
durchdringt das Wasser Körper und
Seele des Menschen auf verschie-
denste Weise. Nicht nur, weil das Le-
ben im Meer begann. Wasser ist ne-
ben der Atemluft unser wichtigstes
Lebens- und Überlebensmittel. Über-
all auf der Welt wird rituell gebadet
und getauft, geplanscht und ge-
spritzt. Wissenschaftler und Mystiker
sinnieren über jenen Moment, da ein
Mensch zu ersten mal sich selbst er-
kannte, im Spiegel eines ruhenden
Wassers.
Vielleicht ist es diese tiefe Verbin-
dung zwischen Mensch und Wasser,
die das Baden zu einem so wertvol-
len Gut macht, für das uns kein Preis
zu hoch erscheint. Wer es sich leis-
ten kann, baut einen Swimmingpool
als eindeutiges Symbol des Wohl-
standes. Auch ein Blick aus dem
Fenster auf Fluss oder See muss in
barer Münze bezahlt werden, selbst
wenn es sich nur um einen kleinen
Zipfel blau handelt. Und noch bunte-
re Blüten treibt die tief in uns ver-
wurzelte Lust am Bade: In der Straf-
anstalt Bautzen, so weiß die Legen-
de, dichteten die Gefangenen in den
Siebzigern alle Ritzen einer Zelle mit
Brot ab und öffneten die Wasserhäh-
ne, um wenigstens für kurze Zeit in
den Genuss eines eigenen
Schwimmbades zu kommen. Men-
schen, die hungern, um baden zu
dürfen. Ein schöneres Bild für die
Sehnsucht nach dem „im Wasser
Sein“ lässt sich nicht denken.
Dasselbe Grundbedürfnis wird wohl
am Werk gewesen sein, als die
Künstler Peter Arlt und Benni Foer-
ster-Baldenius den Mangel an nahe-
gelegenen Bademöglichkeiten kur-
zerhand selbst beendeten. Sie be-
füllten einen Baucontainer mit Was-
ser, schafften Liegestühle und ein
paar Kubikmeter Sand heran und
eröffneten das „Bad Ly“, ein impro-
visiertes Nachbarschaftsschwimm-
bad samt Kiosk und Bademeister-
turm. Das Privatbad ohne Kassen-
schlange inspirierte seine Benutzer
zu immer phantasievolleren Service-
Angeboten wie Rückeneincreme-
dienst und eine Milchbar in Form ei-
ner leibhaftigen Kuh.
Mitten in der Zeche Zollverein in Es-
sen zwischen den bizarren Industrie-
Skeletten vergangener Bergbautage
schufen die Künstler Dirk Paschke
und Daniel Milohnic ebenso ein Con-
tainerschwimmbad für alle. Die
Schwimmskulptur als architektoni-
sche Pioniervegetation ist sichtbares
Zeichen der Verwandlung von Indus-
triebrachen der Schwerindustrie in
Dienstleistungsgebiet und daneben
einfach ein ganz besonderes
Schwimmbad, das von Essenern wie
Besuchern der Zeche gern genutzt
wird. Von so etwas hätten die ver-
staubten Kumpel damals nur träu-
men können.
Das Projekt "Badeschiff" der Künst-
lerin Susanne Lorenz und der Archi-
tektengruppe AMP hat den Strand
gleich dazu geliefert. Eine große
künstliche Sandfläche am Spreeufer
an der Berliner Arena ist über Stege
mit einem eben so großen schwim-
menden Badebecken – ein ehemali-
ges Frachtschiff – verbunden. Der
architektonisch strenge Entwurf war
als mobiles Modul konzipiert, denn
Schwimmbäder werden schließlich
überall gebraucht. Dabei darf die pa-
radoxe Vorstellung von einem künst-
lichen Schwimmbad im Fluss als Ver-
weis auf die verlorene Unschuld der
einstmals sauberen Flüsse verstan-
den werden. Wenn man schon nicht
im verschmutzten Fluss baden darf,
dann bauen wir eben einen Pool hi-
nein.
Dem schwierigen Ziel, wenigstens
einen kleinen Flussarm der Spree
wieder badetauglich zu machen,
versucht sich das Projekt "Flussbad"
anzunähern, das sich die Brüder Jan
und Tim Edler unter ihrem Label
ausgedacht haben. Der so genannte
"Kupfergraben", ein ungenutzter
Spreearm mitten in Berlin, soll mit
einer Schilfkläranlage gereinigt wer-
den. So soll direkt entlang der Berli-
ner Museumsinsel ein Bad entste-
hen, einem Strand ähnlicher als ei-
nem konventionellen Schwimmbad.
Wie die „Spreebrücke“ wartet aber
auch dieses Projekt noch darauf, das
Reich der Visionen in Richtung Wirk-
lichkeit zu verlassen. Eine Art Um-
nutzung des Flusses haben die
Edlers im Sinn, wenn sie die Spree
vom Industrieverkehrsweg in ein de-
zentrales Naherholungsgebiet ver-
wandeln möchten. Es geht dabei, wie
realities:united sagt „nicht um das
Statement [Flussbad], sondern um
vernünftige – ökonomische, ökologi-
sche und gesellschaftliche Entwick-
lungsperspektiven für Berlins inners-
tes Zentrum“. Der stark touristisch
geprägten Gegend um die Museums-
insel verabreicht das Flussbad eine
gesunde Infusion von Alltäglichkeit.
Das verwegenste aller Badekunst- projekte war aber der „High Line Pool“, ein Entwurf der jungen deutsch-französischen Architektin Nathalie Rinne. Sie wollte ein Stück New Yorker U-Bahn-Trasse, die vor 23 Jahren stillgelegte "High Line" im westlichen Manhattan, in ein riesiges 2,5 Kilometer langes Schwimmbad verwandeln. Dabei ging es der Visio- närin um die Würdigung des Was- sers als städtebauliches Element. Obwohl Manhattan als Halbinsel na- türlich überall Wassernähe besitzt, kommt es in der Stadtarchitektur kaum vor, meinte Rinne. Daran wird auch die Idee des High Line Bades nichts ändern, denn wie die meisten anderen Visionen vom urbanen Ba- den hatte auch sie keine Chance, Realität zu werden, obwohl Nathalie Rinne zu den Gewinnerinnen des in- ternationalen Wettbewerbs zur High Line zählte und damit einen beachtli- chen Ritterschlag erhielt.
Und das ist mehr als schade, denn
die Vorstellung hoch über den Stra-
ßen New Yorks kilometerweit gera-
deaus zu schwimmen, lässt das nur
durch wenige Schwimmzüge unter-
brochene Dauerwenden in der klas-
sischen Badeanstalt wie Selbstquäle-
rei erscheinen. Es gehe ging ihr um
das Statement, die starke Idee, sag-
te denn auch Nathalie Rinne. Und so
träumen sie weiter, die Künstler. Sie
träumen unseren gemeinsamen
Traum vom Baden, vom Eintauchen
ins kühle Wasser, vom schwerelosen
Gleiten. Glaubt man einem alten rus-
sischen Sprichwort, dann tun sie uns
damit selbst dann einen großen Ge-
fallen, wenn nur einige ihrer wilden
Wasservisionen Wirklichkeit werden:
„Deine eigenen Wünsche zu kennen
macht Dich zu einem glücklichen, ih-
re Erfüllung zu einem hoffnungslosen
Menschen“.
Uli Winters, Diplomkünstler
schreibt u.a. "Gehirn und Geist"
Ralf Steeg
Peter Arlt
http://www.peterarlt.at/[...]1199903
Benni Foerster-Baldenius
http://www.raumlabor-berlin.de
Daniel Milohnic
Dirk Paschke
Fotos: Christine Ganser,
Roman Mensing
Nathalie Rinne
http://www.thehighline.org
Jan Edler
Tim Edler
Mitarbeit: Denise Dih,
Wolfgang Metschan
Susanne Lorenz, AMP Architekten, Teneriffa
Projektleiter: Gil Wilk, Wilk Salina Architekten
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