Die Stadt hat, vom Wasser aus gesehen, eine andere Physiognomie; eine intimere und ehrfürchtigere zugleich. (...) Die verborgenen Heimlichkeiten alter Häuser und neuer Mietskasernen offenbaren sich der Wasserseite. Höfe, Gänge, Balkons, alte Tore, Misthaufen, Intimitäten jener Häuser, die der lauten Straße gegenüber verschlossen und diskret sind. Vor der Verschwiegenheit des Wassers dürfen sie sich im Negligé zeigen.“ (Joseph Roth, 1921)
Neben der Havel ist die Spree die zweite große, natürliche Wasserstraße Berlins. Anders aber als die Havel, die westlich am alten Berlin vorbei floss und nicht das historische Stadtgebiet berührte, wählte die Spree schon immer ihren Weg mitten durch die Stadt. Mal als Grenze zwischen Berlin und Cölln, dann als Bindeglied zwischen den beiden Schwesterstädten. Ab 1920 wurde ihr Weg durch die Stadt erheblich verlängert, denn seither fließt sie durch Groß-Berlin, während die Havel sich nur durch die Außenbezirke der neuen Stadt bewegt.
Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Spree an einigen Stellen zur schmerzhaft teilenden Grenze zwischen Ost und West. Als dann, nach 28 Jahren, die Mauer endlich fiel, rückte die Spree bald wieder stärker in das Bewusstsein der Berliner. So ist es nicht verwunderlich, dass nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin das neue Regierungsviertel genau in dem Spreebogen entstand, der zuvor die Stadt teilte. Auch ist die Entwicklung Berlins links und rechts an den Ufern der Spree besonders deutlich zu beobachten. Tummeln sich die meisten Touristen zwischen dem Hackeschen Markt und dem Kollwitzplatz, haben viele Künstler und die sogenannten „Kreativen“ dort längst das Weite gesucht und die Spreeufer für sich und ihre Aktivitäten entdeckt.
Die Spree ist kein schneller Fluss. Sie lässt sich Zeit, und Binnenschiffer sagen, dass sie manchmal sogar rückwärts fließt. Die durchschnittliche Fließgeschwindigkeit beträgt knapp 17 Kilometer pro Tag. Ein selbstgebasteltes Papierschiffchen braucht so von der östlichen Stadtgrenze bis zur Mündung in die Havel immerhin fast drei Tage. Wenn Sie möchten, ergreifen Sie den roten Faden, den die Spree bietet und folgen sie ihr und meinen Beschreibungen zu Fuß, mit dem Rad, oder dem Ausflugsschiff – denn seit mindestens 100 Jahren gehen in jedem Sommer mehr Passagiere an Bord der Ausflugsschiffe als Berlin Einwohner hat.
Wo ist Fontanes Verlobungsbrücke geblieben?
Wer Fontane schätzt und vielleicht auch etwas über sein Leben gelesen hat weiß, das sein persönliches Schicksal sehr eng mit der Weidendammer Brücke verbunden war, denn genau hier, mitten auf der Brücke hat er sich verlobt. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:
„Nun war achter Dezember (1845), an welchem Tage mein Onkel August (...) seinen Geburtstag hatte. Während der ersten Nachmittagsstunden erhielt ich, in Dreiecksform, einen in ungemein zierlichen, aber etwas schulmäßigen Buchstaben geschriebenen Brief, der dahin lautete: Lieber Freund. Ich war eben zur Gratulation bei Ihrem Onkel und erfuhr zu meinem Bedauern, dass Sie durch Ihren Dienst verhindert sind, die heutige Geburtstagsfeier mitzumachen. Ich meinerseits werde da sein, bin aber in einiger Verlegenheit wegen des Nachhausekommens. Ich denke, Ihr Bruder soll mich um 10 bis an Ihre Apotheke begleiten, von wo aus Sie wohl den Rest des Weges übernehmen. Ihre Emilie Kummer.
Und so kam es. Gleich nach 10 Uhr, von wo ab ich frei war, war das Fräulein da. Der noch zurückzulegende Weg war nicht sehr weit, aber auch nicht sehr nah: die ganze Friedrichstraße hinunter bis ans Oranienburger Tor und dann rechts in die spitzwinklig einmündende Oranienburger Straße hinein, wo die junge Dame in einem ziemlich hübschen, dem großen Posthof gegenübergelegenen Hause wohnte. Da wir beide plauderhaft und etwas übermütig waren, so war an Verlegenheit nicht zu denken und diese Verlegenheit kam auch kaum, als sich mir im Laufe des Gesprächs mit einem Male die Betrachtung aufdrängte: ja, nun ist es wohl eigentlich das Beste, Dich zu verloben.
Es war wenige Schritte vor der Weidendammer Brücke, dass mir dieser glücklichste Gedanke meines Lebens kam und als ich die Brücke wieder um eben so viele Schritte hinter mir hatte, war ich denn auch verlobt. Mir persönlich stand dies fest. Weil sich aber die dabei gesprochenen Worte von manchen früher gesprochenen nicht sehr wesentlich unterschieden, so nahm ich plötzlich, von einer kleinen Angst erfasst, zum Abschiede noch einmal die Hand des Fräuleins und sagte ihr mit einer mir sonst fremden Herzlichkeit: Wir sind aber nun wirklich verlobt.“ Spätestens jetzt sieht man die Weidendammer Brücke mit ganz anderen Augen. Plötzlich erscheint sie uns noch schöner, als sie es ohnehin schon ist, mit dem stattlichen Preußenadler und den wohlgeformten Kandelabern.
Bevor wir die Brücke etwas genauer betrachten, lassen wir Wolf Biermann, den frisch gebackenen Ehrenbürger der Stadt Berlin, zu Wort kommen, der einst unweit der Brücke, Ecke Chausseestraße wohnte. Er hat dem preußischen Ikarus eine seiner Balladen gewidmet:
„Da, wo die Friedrichstraße sacht
den Schritt über das Wasser macht,
da hängt über der Spree,
die Weidendammer Brücke.
Schön kannst du da Preußens Adler
sehn,
wenn ich am Geländer steh’.“
Am Fuß zweier Kandelaber ist neben
filigranen Ornamenten zu lesen:
„Erbaut 1895 – 1896“. Aber hat sich
Theodor Fontane mit Emilie Rouanet-
Kummer nicht am 8. Dezember 1845
verlobt? Da gab es diese Brücke ja
noch gar nicht, sie entstand ja erst
50 Jahre später. Was ist dann aber
aus der echten „Verlobungsbrücke“
geworden? Befassen wir uns noch
etwas mit der Geschichte des Bau-
werkes.
1685 wurde die erste Brücke an dieser Stelle über die Spree gebaut. Sie war aus Holz und hieß Dorotheen- städtische oder Spandauer Brücke. Nach 140 Jahren war das Holz morsch geworden und es musste eine neue, modernere Brücke her. Diesmal entstand eine gusseiserne Bogenbrücke, bei der das hölzerne Mittelteil nach oben geklappt werden konnte, um Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Dieses neue Bauwerk zog nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1826 die Aufmerksamkeit der Berliner auf sich.
Leopold Freiherr von Zedlitz beschreibt 1834 das eiserne Bauwerk in seinem „Neuesten Conversations- Handbuch für Berlin und Potsdam zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände“:
„Jetzt ist diese Brücke insofern die erste und einzige ihrer Art in der Welt, als bei ihr nämlich, anstatt der bisher nur allein üblich gewesenen massiven Pfeiler, gegen welche die Bogen gespannt werden müssen, zuerst der Versuch gemacht ist, mit freistehenden eisernen Pfeilern, welche die ebenfalls eisernen Bogen tragen, so daß an dieser Brücke, ausgenommen den hölzernen Pfahlrost im Grunde, die hölzernen Zugklappen, (...) alles durchaus von Eisen ist. Sie hat 4 Bogenöffnungen, in der Mitte eine Durchfahrt für Schiffe (...) Die ganze Brücke ist 177 Fuß lang, zwischen dem eisernen Geländer 34 F. breit und hat 60 000 Rthl. gekostet.“
Dem ständig wachsenden Verkehr der Gründerzeit konnte die Brücke bald nicht mehr gerecht werden. Zu beiden Seiten wurde sie deshalb um je einen Gehweg für Fußgänger verbreitert. Trotzdem war sie für den Verkehr immer noch zu schmal. So blieb nur der Abriss, ohne Rücksicht darauf, dass sich der größte Wanderer der Mark hier einmal verlobt hat. So wurde die heutige Brücke gebaut und die „Verlobungsbrücke“ sollte auf den Schrottplatz.
Dass sie bis zum heutigen Tage erhalten blieb, ist weitgehend unbekannt. Die Spur führt in das 35 Kilometer entfernte Eberswalde. Die durch Holzhandel mit Berlin wohlhabend gewordene Gemeinde Liepe bei Oderberg, erwarb die Brückenteile zum Schrottwert und ließ sie auf dem Wasserweg zum Finowkanal transportieren. Sie wurde etwas verändert und um dreizehn Meter gekürzt wieder aufgebaut. Da sie in der Nähe des Teufelsberges stand, gab ihr der Volksmund den Namen „Teufelsbrücke“.
Fünfzehn Jahre diente sie dort der Kanalüberquerung, bis dieser für die Durchfahrt größerer Schiffe verbreitert wurde. Die Kanalverwaltung kaufte die Brücke von der Gemeinde, demontierte sie und wiederum blieb ihr der Schrottplatz erspart. 20 Kilometer von Liepe entfernt wurde sie 1913 bei Heegermühle in Eberswalde wieder aufgebaut, um dort die Hafenausfahrt eines Messingwerkes zum Finowkanal, zu überbrücken. Beim Aufbau mussten die beiden Seitenfelder, der einst fünfjochigen Brücke, gekappt und auf landseitig gemauerte Auflager gesetzt werden.
Seit den 30er Jahren ist das Bau werk seiner Funktion beraubt. Als nicht mehr getreidelt wurde, verfiel nach und nach auch der Treidelweg zur Brücke. Da die Herkunft den Eberswaldern nicht bekannt war, drohte ihr zu DDR-Zeiten die endgültige Verschrottung. Durch Zufall erfuhr der damalige ehrenamtliche Kreisdenkmalpfleger von den Abrissplänen und informierte den Rat des Kreises über die Geschichte der Brücke, die daraufhin in die Kreisdenkmalliste aufgenommen wurde. So blieb, wenn auch nicht komplett und nicht im besten Zustand, Fontanes „Verlobungsbrücke“ in Eberswalde bis zum heutigen Tage erhalten.
Wenn Sie mehr über die Spree und Geschichten rechts und Links des Flusses erfahren wollen, empfehlen wir:
Gebundene Ausgabe: 143 Seiten
Verlag: Transit Buchverlag;
Auflage: 1 (10. März 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3887472322
ISBN-13: 978-3887472320
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