"Berlin am Meer, wenn es so wär'" trällerte die Hauptstadtcombo Jeans Team 2004 und lieferte einen genialen Sommersong mit elektronischer Unterlegung. Dass man diesen Gedanken nicht im Konjunktiv formulieren muss, wusste schon Conny Froboess, die sang "Pack die Badehose ein..." und empfahl West-Insulanern den Wannsee als Adriaersatz. Berlin ist nicht nur für Landratten geschaffen, denn es hat längere Wasserstraßen und mehr Kanalbrücken als Venedig. Schiffbauerdamm und Fischerinsel, Grachten und Werften zeugen von einer "maritimen Tradition", die noch unentdeckt ist. Wannsee und Müggelsee im Südwesten bzw. Osten der Stadt sind große Naherholungsgebiete. Strandbars in der ganzen Stadt laden zum Chillen ein. Wofür sollte man überhaupt in den Süden fahren?
"Berlin am Meer, wenn es so wär'"?
Berlin ist ein Meer mit viel Wasser.
Diese Perspektive war Ausgangs- punkt
eines Buchprojekts, das im Mai 2010
unter dem Titel "Meer Berlin. Die Hauptstadt zu Wasser erobern"
erschienen ist (siehe: www.vergangenheitsverlag.de oder im Buchhandel).
Berlin ist von Wasser umgeben, eine Stadt am Wasser, sowieso ein urbanes Meer.
Das Buch zeigt, wie man mit und ohne Bootsschein aufs Wasser kommt,
wo man Boote leiht und wie man sich auf Wasser verhält.
Zugegeben: Berlin liegt nicht am Meer, aber Kanäle,
Spree und Havel bieten ausreichend Abenteuer,
zu denen man per Paddelboot, Wassertaxi oder mit
Motorbooten aufbrechen kann. Entlang der
vorgeschlagenen Routen auf Berlins Wasserstraßen
wird Sehenswertes vorgestellt, Anlegestellen
markiert und Tipps für Landgänge vorgeschlagen.
Bis auf wenige Ausnahmen ist es in ganz Berlin möglich, mit allen Bootstypen fast alle Wasserstraßen zu befahren. Sollten Sie keine Jolle haben, dann entern Sie hand-, solar- oder brennstoffbetriebene Boote. Wenn Ihnen das nicht reicht, können Sie auch Flösse mieten, Einbäume bauen oder mit der Luftmatratze losziehen – natürlich alles auf eigene Gefahr. Womit auch immer Sie unterwegs sein wollen, in „Meer Berlin“ erfahren Sie etwas über den Untersatz Ihrer Wahl, wo Sie ihn bekommen und wo Sie ihr Gefährt am besten einsetzen, um Berlins Gewässer zu erobern. Das Buch beschreibt auf insgesamt vier Touren das maritime Berlin: Im Nordwesten geht’s durch Spandau und Reinickendorf sowie Charlottenburg, die Tour durch Mitte geht an den großen Sehenswürdigkeiten vorbei, die Tour Süd-Ost streift Treptow, Kreuzberg und Neukölln und im Süden geht’s über den Teltowkanal von Köpenick nach Potsdam.
Auf jeder Tour des Buches werden Geschichten am Rande erzählt: Von kapitalen Fischen und alten Wohnutopien, von Bootsbauerinnen und Fischerleidenschaften. So wird am Ende eine kleine Kulturgeschichte der Berliner Wasserstraßen erzählt – und etwas davon, was sich an den Ufern und den Häfen Berlins in den letzten Jahrhunderten bis heute getan hat. Und so wird dann auch die Geschichte der Amphicars erzählt, die in den 1960er Jahren in Spandau die Fabrik verließen und wahrscheinlich das Beste sind, was je in Berlin an wassertauglichen Untersätzen gebaut wurde. Zwar ging die Firma nur kurze Zeit später pleite, aber dennoch zeigt sich auch hier, was die Stadt und ihr Wasser für Ideen produzierten. Immerhin ist das Berliner Amphicar heute eine Rarität und wird hoch gehandelt.
Meer Berlin zeigt, auch was unter Wasser los ist: Dicke Fische und kapitale Burschen mit Killerbiss sieht man schließlich nicht nur im Zoo-Aquarium (siehe: www.aquarium-berlin.de). In den Berliner Gewässern tummeln sich etwa 13 Fischarten, vor allem Barsche, Aale, Hechte, Schleien und Karpfen. Vereinzelt finden sich auch Goldfische, Moderlieschen und Ukeleien, aus deren Schuppen man früher silbrig schimmernde Kunstperlen fertigte.
Fische haben eine besondere Bedeutung für die Stadt: Die ersten Berliner haben vom Fischfang gelebt. Während fast jeder Ur-Berliner früher zum Fischen gezwungen war, um zu überleben, gibt es heute nur noch einige Dutzend echte Fischer in der Stadt. Insgesamt sind es 16 Haupterwerbs- und 14 Nebenerwerbsbetriebe, in denen in der Regel nur eine Person arbeitet. Diese letzten Ur-Berliner bieten fangfrischen Fisch an – aus städtischen Gewässern. Was manchem seltsam anmuten mag (Fisch aus Berlin), lohnt auf jeden Fall die Probe auf’s Exempel (die Adressen aller Berufsfischereien finden sich unter Senatsverwaltung Bereich Umwelt). Mit einem Jahresgesamtumsatz von rund 0,5 Millionen Euro ist die Berliner Berufsfischerei eher unbedeutend, aber immerhin tragen die einsamen Fischer auf den Meeren Berlins zur Hege, Pflege und einem ausgewogenen Fischbestand bei.
Die Berufsfischer sind heute in Berlin nicht alleine auf See unterwegs, wie „Meer Berlin“ zeigt. Was früher notwendiger Lebensunterhalt war, ist heute zu einem beliebten Hobby geworden. Fast 22.000 aktive Hobbyangler gibt es in der Hauptstadt. Grundsätzlich kann jeder in Berlin fischen. Allerdings sind da einige Voraussetzungen zu erfüllen: Eine Angelkarte und ein Fischereischein müssen besorgt werden. Die Angelkarte sagt aus, in welchen Gewässer Sie fischen dürfen. Sie ist ein Vertrag mit dem Inhaber des Fischereirechts oder dem Pächter dieses Gewässers, der Ihnen damit das Fischen erlaubt. Der Mitgliedsausweis eines Anglerverbandes oder -vereines allein genügt also nicht; auch beim Fischen in Gewässern, die der Verband oder der Verein gepachtet hat, brauchen Sie eine Angelkarte.
Alexander Schug, Jg. 1973, promovierter Historiker von der HU Berlin, dort Lehrbeauftragter für Angewandte Geschichte und Inhaber des Vergangenheitsverlags
Umfang: 232 Seiten
Ausstattung: Klappenbroschur
zahlr. erstmals publizierte Abb. und farbige Wasserkarten
ISBN: 978-3-940621-13-9
Preis: 14,90 Euro
Format: 11,5 x 17 cm
Zu kaufen überall im Buchhandel oder z. B. bei www.amazon.de
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