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      Wasserwelten

      Die Geburt der Philosophie aus dem Wasser
      von Claudia Langer

      „Das Wasser ist das Beste.“ – Dieser einfache wie prägnante Satz gibt dem nassen Element eine schlichte Würdigung und markiert gleichzeitig einen zentralen Wendepunkt in der europäischen Geistesgeschichte. Gesprochen hat ihn der Überlieferung nach Thales, der erste Philosoph Europas. In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. lebten in der ionischen Hafenstadt Milet eine Reihe von reichen Kaufleuten, die den Grundstein für die modernen Naturwissenschaften, ja für unsere rationale Art zu denken legten. Milet, an der Küste Kleinasiens in der heutigen Türkei gelegen, war damals eine florierende Handelsstadt, in der die verschiedensten Sprachen und Religionen aufeinander trafen. Das offene geistige Klima begünstigte die Entstehung neuer, revolutionärer Ideen.

      Historisches Kartenbild Milets , Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Milet

      Um Thales Ideen besser verstehen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf die damalige geistige Kultur zu werfen. Die Welt wird von den Göttern des Olymp beherrscht, Zeus schleudert seine Blitze, Hades bewacht das Totenreich, Demeter sorgt für reiche Ernte und Poseidon sendet die Flut und lässt Schiffe kentern. Sowohl Katastrophen als auch Glücksfälle, ebenso wie alle natürlichen Phänomene, werden als Zorn oder Wohlwollen der Götter ausgelegt. Neben der Aufteilung der Welt in Bereiche der verschiedenen Götter gibt es auch damals schon die Frage nach dem Ursprung von all dem, denn die alten Griechen glaubten nicht, dass ihre Götter schon zu allen Zeiten da waren.

      Statue des Zeus in Olympia (Maarten van Heemskerk, 16. Jhdt.)Quelle: de.wikipedia.org

      „Alle Schöpfungsmythen dieser Zeit – so beispielsweise auch der babylonische und der ägyptische - weisen ein ähnliches Schema auf. Die Griechen glaubten, dass aus dem anfänglichen Chaos Gaia und Uranus – die Erde und der Himmel – durch Teilung entstanden, die als Elternpaar die anderen Götter hervorbrachten. Wie sie sich allerdings das Chaos vorgestellt haben, ist schwer zu sagen. Es kann einerseits einfach „Ort“ bedeuten oder etwas, das sich öffnet. Andere Übersetzungen interpretieren Chaos als etwas, das sich ergießt, beispielsweise als Wasser. An anderer Stelle wird Okeanos – nicht zu verwechseln mit dem „jüngeren“ Meeresgott Poseidon - direkt als Ursprung von allem angegeben.

      Skulptur des Okeanos (2. Jh. v. Chr.) © G.dallorto|Giovan, Quelle: www.wikipedia.org

      Homers berühmtes Epos ‚Ilias’ berichtet Folgendes von Okeanos:

      „Denn ich (Hera) gehe, um die Grenzen der fruchtbaren Erde zu sehen, Okeanos, den Ahnherrn der Götter...“ (Homer, Ilias, XIV, 200)

      „Wohl jeden anderen der ewig lebenden Götter könnte ich (der Schlaf) leicht in Schlaf versetzen, selbst die Ströme des Flusses Okeanos, der doch der Ahnherr von allem ist.“ (Homer, Ilias, XIV, 244)

      Neben seiner Funktion als Ursprung der Welt, die für die Griechen nicht gut belegt ist, war Okeanos vor allem die geographische Begrenzung der damaligen Welt. Er umfloss als Strom die festen Landmassen von Europa und Asien.

      Milesische Weltkarte (um 510 v. Chr.) Quelle: www.wikipedia.org

      In den älteren ägyptischen und babylonischen Kosmogonien (Ursprungsgeschichten) spielt das Wasser eine entscheidendere Rolle. Hier entsteht der feste Grund, indem er sich aus den Urwassern durch Verfestigung heraushebt. In der Kultur Babylons erzählt der Mythos „Enuma elis“, der auf 3200 Jahre alten Steintafeln erhalten blieb, wie die Welt aus der Göttin Tiamat, die mit den Urwassern identifiziert wird, entsteht. Sie wird meist als Seeungeheuer dargestellt und verkörpert das Prinzip des Salzwassers. Tiamat bedeutet: „sie, die sie alle gebar“. In Ägypten ist es die Gottheit Nun, die diese Funktion übernimmt.

      Darstellug Tiamats als Mischwesen (assyrisches Relief), Quelle: www.wikipedia.org

      Der griechische Schöpfungsmythos ist höchstwahrscheinlich von den älteren vorderasiatischen Kulturen beeinflusst worden, denn im Zweistromland Mesopotamien sowie im Gebiet des Nils mit seinen jährlichen Überschwemmungen ist es verständlich, dass die Menschen zu der Annahme kamen, das Land habe sich aus dem Wasser erhoben. Die griechische Kultur war aber zunächst eine Binnenkultur, deren Leben nicht sehr stark vom Wasser bestimmt wurde. Thales kannte als weit gereister Geschäftsmann die babylonische und ägyptische Kultur. Er vermutete, dass die Erde auf dem Wasser schwimme. Aber das war bei weitem noch nicht sein innovativster Gedanke.

      Weltkarte aus dem Beatus von Saint-Sever (10.-12. Jh.), Quelle: www.wikipedia.org

      Aristoteles beschreibt Thales’ Philosophie: „Die Mehrzahl von denen, die zuerst philosophiert haben, glaubte, dass es Quellen für alle Dinge allein in Gestalt von Stoff gebe. Sie bezeichneten dasjenige als Element und Quelle des Seienden, aus dem alles Seiende besteht, aus dem es als dem Ersten entsteht und in das es als in das Letzte vergeht – indem das Wesen beharrt und sich nur in seinen Affektionen verändert. Darum nahmen sie an, dass nichts eigentlich entstehe und verderbe, da jene Art Natur immer erhalten bleibe. (...) Thales, der Begründer dieser Art von Philosophie, sah das Wasser als jene Natur an.“ (Aristoteles, Metaphysik A3, 983b7 – 984a4)

      Die Schule von Athen (Raffael, 1509-10) © Reproduktion: Zenodot Verlagsgesellschaft GmbH

      Das fundamental Neue an dieser Art zu denken ist einerseits natürlich die Aufgabe der Personifizierungen, d.h. Natur und Ursprung werden nicht als menschenähnliche Gottheiten angesehen. Viel prägnanter ist allerdings, dass Thales nur ein einziges Element zur Erklärung aller Erscheinungen heranzieht. Er formuliert damit drei Prinzipien, die bis heute die Naturwissenschaften bestimmen. Erstens: die Welt ist in ihrer Struktur einfacher als sie erscheint, d.h. viele Phänomene der Welt können durch wenige Gesetze, bzw. durch eines, erklärt werden. Zweitens: Hinter dem, was wir sehen, gibt es eine Realität, die nicht sichtbar ist, sondern nur durch Denken erschlossen werden kann. Und drittens: Alle Veränderungen sind nur Veränderungen einer an sich gleich bleibenden Substanz, heute allgemein bekannt als Erhaltungssatz in der Physik, der z.B. für die Energie gilt.

      Der Kosmos nach Ptolemäus (ca. 100-175 n. Chr.), Quelle: www.walckerorgel.de

      Die Götter der damaligen Welt blieben dagegen nicht in ihren Kindern erhalten, sondern waren immer etwas Neues und Anderes. Auch standen sie nicht als Ursache hinter der Natur, sie waren selbst der Sturm oder die Flut. Diese Abstraktionsleistung im Denken, die Thales als erster in beeindruckender Konsequenz formuliert hat, legte den Grundstein für unsere heutige Kultur. Warum Thales gerade das Wasser als diese grundlegende Substanz angesehen hat, ist nicht überliefert. Sein berühmter Nachfolger Aristoteles vermutete, dass Thales auf diesen Gedanken kam, weil die Nahrung und der Samen aller Dinge feucht ist - eine Theorie, die uns heute etwas fremd anmutet.

      Aristoteles (um 330 v. Chr.), Quelle: www.wikipedia.org

      Neben seinen kosmogonischen Ideen hat sich Thales als praktischer Kaufmann auch noch andere Gedanken über das Wasser gemacht. So stammt z.B. die erste naturwissenschaftliche Theorie über die ägyptischen Nilfluten von ihm. Er führte sie auf das Einwirken jährlich wiederkehrender, starker Nordostwinde zurück, die das Wasser des Nils stauen sollten und bei deren Nachlassen die Flut entstünde Außerdem soll Thales die Sterne des Kleinen Bären vermessen und so den Seefahrern ein verlässliches Instrument zur Navigation auf See erschlossen haben.

      Sternbild des kleinen Bären, Quelle: www.constellationsofwords.com

      Die Autorin:


      hat Philosophie, Kunstgeschichte und Psychologie mit dem Schwerpunkt Zeichentheorie an der Humboldt Universität studiert. Nach Aufenthalten in London, Florenz und Brno lebt sie wieder in Berlin. Neben Tätigkeiten in der Psychiatrie und Öffentlichkeitsarbeit arbeitet Claudia Langer als freie Autorin und forscht journalistisch auf den Gebieten Philosophie, Naturwissenschaften und Film.

      Bilder mit freundlicher Genehmigung von:

      Bild 8





























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