Im Berliner Osthafen, in unmittelbarer Nähe zu Universal, MTV, dem
Badeschiff und der Oberbaumbrücke
entsteht die erste Anlage zur Speicherung von Mischwasser innerhalb
des Forschungsprojekts SPREE2011.
Die Idee hinter dem Projekt: Das
Baden in der Spree, mitten in Berlin
soll wieder möglich, Einleitungen von
Abwasser in den Fluss wesentlich reduziert werden. Im 19. Jahrhundert
gab es mehr als 30 Badeanstalten
entlang der Spree. Erst 1925 wurde die letzte wegen der hohen Verschmutzung des Flusses von der
Stadtverwaltung geschlossen. Damit
das Wasser wieder Badequalität bekommt und die Berliner ins Wasser
springen können, sind mehrere Maßnahmen notwendig. Im Bereich der
Berliner Innenstadt sind Einleitungen
aus der Mischkanalisation die einzige
Belastungsursache.
Dieses Problem zu beheben, daran arbeitet das Forschungsprojekt …
… SPREE2011 zusammen mit den Berliner Wasserbetrieben.
Wie London, Warschau, Paris, Wien,
New York und viele andere Städte
weltweit hat auch Berlin ein großes
Problem: Aus der sogenannten
Mischkanalisation wird Abwasser in
die Flüsse geleitet.
Bei dieser Art der Kanalisation wird
das Abwasser aus den Häusern und
Betrieben zusammen mit dem
Regenwasser im gleichen Rohr
abgeleitet.
Normalerweise ist dies kein Problem.
Das so gemischte Wasser ("Mischwasser") wird zur Kläranlage gepumpt, dort gereinigt und anschließend in den Fluss geleitet.
In Berlin erstreckt sich die Mischkanalisation mit einer Länge von
insgesamt 1.902 Kilometern auf die
Fläche des inneren S-Bahn-Ringes.
Ca. 20 bis 30 Mal regnet es in Berlin
sehr stark. So stark, dass die Kanalisation, in der sich das Abwasser aus den Haushalten befindet,
innerhalb weniger Minuten mit zusätzlichem Regenwasser füllt.
Die Mengen sind dann zu groß für
das Abwassersystem. Damit sich das
Mischwasser nicht aus den Kanaldeckeln auf die Straßen und in
die Keller ergießt, hat man so
genannte Überlaufbauwerke gebaut.
Diese funktionieren im Prinzip wie
der Überlauf einer Badewanne.
Steigt das Wasser über einen bestimmten Pegel an, kann es über
den Überlauf abfließen.
Das Abwasser wird dann ungefiltert
und ungereinigt in die Berliner
Gewässer geleitet.
Das Mischungsverhältnis zwischen
Abwasser und Regenwasser ist je
nach Stärke des Regens eins zu
sieben bis eins zu fünfzig.
Pro Jahr fließen dadurch ungefähr
drei Millionen Kubikmeter Mischwasser in die Berliner Gewässer.
Das Mischwasser setzt sich aus unterschiedlichen Stoffen zusammen: aus Haushalten fließen Abfälle, Waschmittel, Speisereste, Arzneimittel, Hormone etc. in den Fluss; aus Gewerbebetrieben Chemikalien, Schwermetalle, Fette und Salze. Von den Straßen werden Staub, Reifenabrieb und Unrat aller Art in die Gewässer gespült. Das führt zu Sauerstoffzehrung, die im Extremfall zu Fischsterben führen kann, zu Ablagerungen in der Gewässersohle und zur Schädigung angeschlossener Gewässersysteme (Havel, Elbe etc.).
Natürlich versucht man seit langem
diese Einleitungen zu vermeiden.
Zahlreiche Maßnahmen setzen schon
bei den Niederschlägen an:
Dachbegrünung, Flächenentsiegelung, Versickerungsmulden und sogenannte Versickerungsrigolen
sollen das Regenwasser zurückhalten und verhindern, dass das
Wasser in die Kanalisation gelangt.
Innerhalb des Kanalsystems gibt es
weitere Maßnahmen, um die
Wassermassen zu bewältigen.
Alle Abwasser-Pumpwerke und
Regenbecken der Berliner
Wasserbetriebe werden seit Kurzem
aus einem Pumpwerk an der Holzmarktstraße überwacht und gesteuert (Leit- und Informationssystem Abwasser LISA).
Weil damit Abwasserströme schnell
innerhalb der ganzen Stadt gesteuert werden können, werden bei
starken Wolkenbrüchen die
Regenfluten teilweise zu Anlagen
gelenkt, die noch Kapazitäten
frei haben.
Zusätzlich wurden Regenüberlaufbecken (RÜB) gebaut: unterirdische Speicherbecken aus Stahlbeton. Dort kann das Mischwasser hineinfließen und bis zum Ende der Regenfälle zwischengespeichert werden. Nachdem sich die Kanalisation entleert hat, wird es aus den RÜB wieder in die Kanalisation zurückgepumpt und zum Klärwerk geleitet. In Deutschland sind fast 23.000 RÜB mit einer Gesamtkapazität von mehr als 14 Millionen Kubikmeter in Betrieb. Die durchschnittlichen Kosten für den Bau solcher RÜB liegt bei 1832,00 € pro Kubikmeter. In Berlin existieren 13 RÜB mit einem Fassungsvolumen von 46.000 Kubikmetern.
Innerhalb des Projektes SPREE2011
wurde nun ein neues System
entwickelt, das direkt vor dem
Einleiterrohr im Fluss liegt. Durch die
Möglichkeit der Oberflächennutzung
des Systems werden neue Flächen
geschaffen. Durch den modularen
Aufbau und die Vorfertigung in der
Fabrik kann das System schneller
und unkomplizierter gebaut und
eingesetzt werden und bleibt dabei
unter den Kosten herkömmlicher
RÜB. Die Entwicklung des Systems
verlief in drei Schritten.
Zunächst wurde für die Speicherbehälter ein Hochleistungsmaterial
ausgewählt, das sich schon seit
Jahren in der Abwassertechnik
bewährt hat. Im zweiten Schritt
wurde ein modulares Stecksystem
ausgearbeitet, das die serielle
Vorfertigung erlaubt.
Dritter und wichtigster Schritt
war die Verlagerung der Anlage
in das Gewässer.
Das Modulsystem besteht aus
Rohren die in einer Stahlkonstruktion befestigt sind.
Die Rohre sind aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK)
gefertigt. Die Verwendung von GFK-Rohren beim Neubau von Kanal-
und Druckleitungsbau ist seit vielen
Jahren üblich und hat sich bewährt. Die
verwendeten GFK-Rohre werden
durch das sogenannte Wickelverfahren hergestellt. Dabei
werden Glasfaserstränge (Rovings),
die in Harz getränkt wurden, über
einen rotierenden Kern in mehreren
Lagen spiralförmig gewickelt. Die
Rohre haben einen Durchmesser von
zwei Metern (DN 2000) und eine
Länge von 12,19 Metern.
Die Außenmaße des gesamten
Moduls überschreiten die Größe
eines 40’ Überseecontainers nicht,
so dass ein kostengünstiger
Transport gewährleistet ist.
Damit das System die nötige
Steifigkeit erhält, wird das Rohr von
einem Stahlgerüst umschlossen.
Weiterhin dient das Stahlgerüst
dazu, die Anlage über Pfähle im
Boden der Spree zu befestigen, um
somit Auf- oder Abtrieb zu verhindern.
Zum anderen dient es als
Grundkonstruktion für spätere
Aufbauten. Vorteil des Konzepts
eines Modulsystems ist die Möglichkeit der Anpassung der Anlage
an unterschiedliche Topografien
und Einleitermengen. Ein Modul von
der Länge x Breite x Höhe =
12,19 m x 2,40 m x 2,40 m
hat mit dem eingehängten Rohr ein
Fassungsvolumen von 38,83
Kubikmetern.
Für die Gründung der Anlage in den
Baugrund werden Stahlrohre als
Verdrängungspfähle verwendet.
Diese können Zug- und Druckkräfte
aufnehmen sowie Horizontalkräfte
ableiten. Für den Standort der
Anlage im Berliner Osthafen wurde
zuvor eine Baugrunduntersuchung
durchgeführt, um die notwendige
und optimale Art und Länge der
Gründungspfähle zu bestimmen.
Auch an jedem weiteren geplanten
Standort werden solche Baugrunduntersuchungen notwendig.
Die Rohrpfähle sind auch im locker
gelagerten Untergrund knicksicher
und können Seitenlasten aufnehmen, die zum Beispiel bei Wind und
durch Strömung auftreten.
An den Gründungspfählen verschraubte Auflagerbänke verhindern, dass das Stahlgerüst mit
dem GFK-Rohr im leeren Zustand
durch die Auftriebskräfte nach
oben gedrückt wird.
Die Pilotanlage im Osthafen wird ein
Fassungsvolumen von ca. 1000 m3
haben und durchschnittlich 28 Mal
pro Jahr befüllt. Sie wird über ein
Zuleitungsrohr mit der städtischen
Kanalisation verbunden. Setzt der
Starkregen ein, füllt sich die Anlage.
Von Starkregen spricht man bei
einer Menge von mindestens 10 mm
Niederschlag pro Stunde. Aber auch
30 mm bis 60 mm pro Stunde und
mehr sind keine Seltenheit.
Die Verweildauer des Abwassers in
der Anlage beträgt nur wenige
Stunden. Wenn nach dem Abklingen
der Regenfälle der Pegel in der
Kanalisation wieder sinkt, wird die
Anlage vollautomatisch leer
gepumpt. Auch die anschließende
Reinigung der Anlage geschieht
vollautomatisch. Aus der Kanalisation bislang austretender Geruch
an der Einleitungsstelle im Osthafen
wird künftig durch die Anlage geleitet und mit Hilfe einer Abluftreinigungsanlage gefiltert. Dadurch
werden nicht nur Abwassereinleitungen sondern auch Geruchsemissionen an dieser Stelle vermieden.