Eine der unvergesslichsten und magischsten Szenen der Filmgeschichte ist die Traumsequenz aus Emir Kusturicas Time of the Gypsies. Der Traum einer Zigeunerhochzeit auf einem Floß inmitten eines breit dahinströmenden Flusses im blauen Licht der Dämmerung, und auf dem spiegelnden Dunkel des Wassers leuchtet das Feuer unzähliger Fackeln. Dunkelheit, die spiegelnden Fluten eines Flusses, Feuer und Musik, in vielen Kulturen gibt es Feste, die mit einem Zusammenspiel dieser Elemente magische Gemeinschaftserlebnisse schaffen, sakrale und spirituelle Ausnahmezustände, in denen die Flüsse die göttliche Kraft verströmen, die ihnen in vielen Kulturen zugesprochen wird. Und der Mensch hat in solchen Momenten Teil an dieser Kraft.
Am Abend des 17.Juli 1717 legte eine prunkvolle Barke mit dem englischen König Georg I. an Bord zu einer nächtlichen Fahrt auf der Themse ab und steuerte flussaufwärts Richtung Chelsea. Während das Schiff das von Laternen beleuchtete Ufer entlang glitt, ertönten die ersten Takte einer Musik, die sich zu einer monumentalen Sinfonie steigerte: Auf einem weiteren Boot stand ein Orchester von fünfzig Mann und spielte die eigens für diese Nachtfahrt komponierte Wassermusik von Georg Friedrich Händel.
Die rauschartige Wirkung dieses Gesamtkunstwerkes aus Musik, Wasser, Dunkelheit und den sich im Wasser spiegelnden Lichtern war so groß, dass der König die Sinfonie in einer Schleife immer wieder spielen ließ, während sein Schiff die Themse auf und ab fuhr. Zugleich nutzte er die geradezu magische Wirkung dieses Ereignisses zur Festigung seiner imperialen Macht, die allen Zweifel an seiner Legitimation, als Hannoveraner auf dem englischen Thron zu sitzen, beseitigen sollte. Vor einigen Jahren wurde diese Flussfahrt zu den Klängen von Händels Musik wiederholt, mit einer anderen, wenn auch ebenso magischen Wirkung: Vor dem Nachthimmel zeichnen sich die Silhouetten des Industriezeitalters ab, wenn man unter der Eisenbahnbrücke zur Victoria Station hindurch gleitet, um zum Menuett an den in den Nachthimmel ragenden Schloten der Battersea Power Station vorbeizufahren.
Seit den 30er Jahren feiern die Rheinländer ihren Fluss, indem sie an seinen Ufern bengalische Lichter entzünden: Rhein in Flammen. Ein Schiffskonvoi durchfährt dieses Lichterspalier, während am Nachthimmel Feuerwerksraketen explodieren. Während des Krieges schien es allerdings nicht passend, ein Fest zu feiern, das einen Fluss in Flammen setzt. Erst 1948 lebte die Tradition wieder auf und 1965 wurde die britische Königin Elisabeth II begrüßt, indem man den deutschesten aller Flüsse in das Licht von bengalischem Feuer tauchte.
In der Schweiz, dem Calvinismus zum Trotz, der sich der Abkehr von allem Mystischen und Magischen verschrieben hat, gibt es einen Brauch, der das mythische Bild aus TIME OF THE GYPSIES heraufbeschwört. Einmal im Jahr, in der Sommernacht des 1.August, werden Tausende von Kerzen auf der Berner Aare ausgesetzt und treiben als Lichtinseln durch die Nacht.
Vorbild für das Aareleuchten ist das Loi Krathong Fest (übersetzt „Schwimmende Opfergabe“) in Thailand: Schon seit Jahrhunderten übergeben einmal im Jahr in einer Vollmondnacht die Thailänder die Sünden, den Ärger, den Groll eines ganzen Jahres, all das was die Seele verunreinigt, den Wellen, in dem sie es auf einem kleinen Schiffchen aus Bananenzweigen auf den Flüssen aussetzen und mit einer Kerze davon treiben lassen. Nicht nur sind danach die Seelen bereinigt, man entzündet das Lichtermeer auch zu Ehren der Flussgöttin Mae Kong, dankt ihr für den Regen, Bittet um Vergebung, wenn man nicht sorgsam genug mit dem Wasser umgegangen ist und fordert sie schließlich höflich auf, nun den Regen einzustellen damit die Reisernte eingeholt werden kann.
Beim chinesischen Flussfest sind die schwimmenden Kerzen auf den Wellen Laternen, ausgesetzt um den Seelen der Ertrunkenen heimzuleuchten, damit sie nicht länger im Dunkel des Wassers herumirren müssen.
Tausende Kilometer entfernt, an der Ligurischen Küste, vollziehen die Menschen ein ähnliches Ritual: Fischer fahren mit ihren Booten, auf denen Fackeln brennen, auf das nächtliche Meer hinaus und kommen an einer bestimmten Stelle zum Stehen um zu beten. Tief unter ihnen am Meeresgrund steht, umspült vom Wasser, umschwärmt von Fischen, der „Christo degli Abissi“, der Christus der Abgründe, und streckt seine Arme zu ihnen empor.
Errichtet vor 50 Jahren zum Gedenken an einen beim Tauchen Verunglückten wacht er seitdem über die Seelen derer, die im Meer ihr Leben gelassen haben. Der Sohn Gottes, der die Wiederauferstehung und das ewige Leben verkörpert, umgeben vom Element Wasser, Symbol des Lebens aber auch tödliche Macht, die immer wieder ihren Tribut fordert. Beides verbindet sich auch in der zweieinhalb Meter hohen Statue selbst, deren bronzener Körper geformt ist aus eingeschmolzenen Kirchenglocken und Teilen alter Schiffe und der überwachsen von Algen selbst langsam mit dem Meer verschmilzt.
Das Göttliche, das aus dem Wasser kommt und dem man huldigt, indem man selbst in das Wasser eingeht, diesen Kreislauf vollzieht ein Ritual der Roma in Saintes Maries de la Mer an der Küste der Provence. Aus den Weiten des Meeres kommend, so erzählt es die Legende, landete hier ein Boot aus dem heiligen Land, bemannt mit Maria Jakoba, der Schwester der Jungfrau Maria, und Maria Salome, der Mutter zweier Apostel, und deren Dienerin Sara.
Nicht die „prominenten“ Heiligen wählten die Zigeuner zu ihrer Schutzpatronin. Geprägt von der jahrhundertealten Erfahrung, nicht dazu zu gehören, wählten sie Sara, die Dienerin, die ihre dunklere Hautfarbe auf alten Darstellungen als eine der Ihren auswies. Seit dem 16.Jahrhundert strömen in jedem Frühjahr Tausende von Roma aus allen Himmelsrichtungen an diesem Teil der Küste zusammen. In der Nacht vom 25. auf den 26.Mai ehren sie Sara, indem sie ihre bunt gekleidete Statue in einer Prozession bis in die Fluten tragen und sie mit Meerwasser benetzen, eskortiert von provoncalischen Rinderhirten, die ihre Pferde in die Brandung treiben.
Das berühmteste heilige Massenbad im heiligsten aller Flüsse, dem Ganges, findet alle zwölf Jahre im Rahmen des Kumbh Mela Festivals statt, mit dem an einen Zank zwischen Göttern und Dämonen um einen Krug gefüllt mit dem Nektar der Unsterblichkeit gedacht wird (Kumbh heißt Gefäß und Mela Fest). Nach der indischen Mythologie verdanken die Menschen ihre ganze Existenz dem Ganges: Am Anfang war die Erde trocken und durstig. Fruchtbar wurde sie erst durch das tausendjährige Gebet eines Weisen, der vom Gott Shiva als Belohnung für seine Ausdauer einen Wunsch erfüllt bekam: Dass der göttliche Fluss von nun an über das Himalaya - Gebirge auf die Erde herabströmen solle.
Seitdem ist Ganga die heilige Mutter aller Flüsse, Millionen pilgern zu ihrer Quelle, ein Bad im Ganges wäscht den Pilger von seinen Sünden rein, und die Asche eines Toten den Wellen des Flusses zu übergeben steigert die Chance, vom Kreislauf der Wiedergeburten erlöst zu werden. Am meisten Zulauf erlebt Ganga aber, wenn sich zu Kumbh Mela Millionen an der heiligsten Stelle versammeln, wo sie mit den Flüssen Yamuna und Saraswati zusammenfließt. 42 Tage lang verwandelt sich das Flussufer in eine Zeltstadt mit eigener Stromversorgung und einem temporären Krankenhaus.
Die kultische Verehrung der Flussgöttin konnte bisher aber nicht verhindern, dass die Göttin inzwischen zu einer Kloake verkommen ist. Nicht zuletzt durch ihren heiligen Status selbst- die Ärmsten können sich keine Verbrennungen an den Stufen zum Fluss leisten und übergeben die Toten den Fluten. Und auch der heilige Müll der Pilger, die Früchte, Girlanden und Kultobjekte auf den Wellen aussetzen, machen Ganga nicht sauberer. Bis vor kurzem war der Glaube an die reinigende Kraft des göttlichen Wassers aber noch so stark, dass die Betenden das Ganges-Wasser tranken.
Erst seit ein paar Jahren ist der moderne Gläubige umweltbewusst und läuft mit einer Mineralwasserflasche herum. Beim letzten Flussfest 2007 drohten die Sadhu- Asketen, hinduistische Mönche, sogar mit einem kollektiven Selbstmord in den Fluten des Ganges, wenn die Regierung nicht sofort etwas unternehme. Die reagierte schnell, schloss vorübergehend Gerbereien und andere Industrieanlagen, leitete dem Ganges gereinigtes Wasser zu. Und kam auf eine makabere Idee: Sie setzte Flusschildkröten aus, um die Fleischmenge im Wasser zu reduzieren. Niemand weiß, was Ganga davon hält, aber das Fest fand statt und die aschebedeckten Körper der Gläubigen tauchten wieder aus ihren Fluten auf.
Das reinigende Bad, das alle Verfehlungen abwäscht, damit man wiedergeboren werden kann, wird auch in einem der berühmtesten Texte der Weltliteratur beschrieben, in Platons Phaidon:
Die nun dafür erkannt werden, einen mittelmäßigen Wandel geführt zu haben, begeben sich auf den Acheron, besteigen die Fahrzeuge, die es da für sie gibt, und gelangen auf diesen zu dem See. Hier wohnen sie und reinigen sich, büßen ihre Vergehungen ab, wenn einer sich wie vergangen hat, und werden losgesprochen.
Sandra Prechtel hat Vergleichende Literaturwissenschaft, Politologie und Filmwissenschaft in München, London und Berlin studiert. Nach Studienabschluss folgten Praktika beim jetzt-Magazin und Zeitmagazin sowie ein Redaktionsvolontariat beim SFB. Seitdem arbeitet sie als freie Autorin für Print, Funk und Fernsehen. Seit 2003 ist sie Regisseurin und Autorin von Dokumentarfilmen. (ND- Deutsches Neuland, MDR 2004, Sportsfreund Lötzsch, BR/arte 2007).
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